3 x Latif

als Autor, Forscher und Experte

Dieser Titel für den Vortrag am 14.10.2010 hätte wohl ergänzt werden müssen: und als Psychologe.

100 Interessierte, vorwiegend aus Melsdorf, waren ins Bürgerhaus gekommen, um den bekannten und renommierten Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif vom IFM-GEOMAR live zu erleben. 

"Einen kleinen Moment warten wir noch, denn einige kommen immer zu spät!"

Doch hier irrte der Professor ausnahmsweise - und das trotz teilweise falscher Ortsangaben in den Medien...

Alle waren frühzeitig da!

Einige überbrückten die Zeit mit dem Besuch der Ausstellung "Klima schützen kann jeder!" der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, die seit einigen Tagen aufgebaut war. Andere informierten sich über geeignete Kinderbücher zum Thema oder versuchten, zwischen zwei Gegenständen jeweils den auszuwählen, der bei der Herstellung weniger klimaschädliche Gase verursacht. Sie gehörten zur Kinderecke, die die VHS ergänzend zur Ausstellung angeboten hatte, um deutlich zu machen, dass man in fast allen Lebensbereichen immer eine  Wahlmöglichkeit hat.

Büchertisch

Dr. Annegret Thiemann von der Buchhandlung Edition 115 aus Felde hatte etliche Bücher mitgebracht, die von Prof. Latif geduldig signiert wurden. "Warum der Eisbär einen Kühlschrank braucht" war am Ende vergriffen.

Würden Sie mir das signieren? Ja, klar!

Doch dann ging es los! Zunächst las Prof. Latif die Einleitung zu seinem neuesten Buch "Warum der Eisbär einen Kühlschrank braucht". Dabei nahm er die Zuhörer mit auf den Mars, um von dort den Kopf über die seltsamen Erdenmenschen zu schütteln, die ihre Erde voll müllen, ihre Meere leer fischen und ihre Luft verpesten.

Geschickt balancierte Latif zwischen allen Genres. Erst genoss man die amüsanten Ausschmückungen der Fantasiegeschichte. Dann lehnte man sich beruhigt zurück, weil man ein physikalisches Phänomen so verständlich wie in der Grundschule vermittelt bekam und sich freute, dass man es seitdem sogar behalten hatte. Dann wurde man plötzlich wachgerüttelt, weil ein neues Forschungsergebnis auf die Leinwand gebeamt und kurz und prägnant erläutert wurde. Die scheinbar überflüssige gute Vorbereitung zahlte sich nun aus, weil einem die Logik umgehend einleuchtete und die Tragweite eigenen und fremden Handels sofort klar wurde. Doch die Schreckstarre wurde sogleich durch die nächste humorige Wortspielerei bei der Fortsetzung der Marsgeschichte wieder gelockert...

Gebannte Aufmerksamkeit

Ganz nebenbei erfuhr man, was das Klima mit den Jahreszeiten zu tun hat, wie es um die Atmosphäre der Venus bestellt ist und dass der Dampf aus dem Kochtopf kein Wasserdampf ist...

Auch Lösungsideen wurden präsentiert

Angeklagt fühlte man sich dabei jedoch nur durch die Zahlen, Bilder und Prognosen. Der Referent selbst erhob kaum den Zeigefinger und war mit seinen Vorschlägen recht bescheiden:

bulletIch zum Beispiel habe mir mein persönliches Tempolimit gesetzt und fahre nur 100 km/h, das spart auch noch Geld! 300 € im Jahr, wer bekommt schon solch eine Gehaltserhöhung - und zwar steuerfrei?! Sie müssen nicht warten, bis der Gesetzgeber etwas tut. Sie können schon vorher anfangen!
bulletViele Lampen haben einen Trafo. Fassen Sie den mal an, der ist warm, selbst wenn die Lampe ausgeschaltet ist! Ziehen Sie den Stecker oder holen Sie sich eine Steckerleiste mit einem Kipp-Schalter!
bulletSie können zu einem kleinen Stromanbieter wechseln, der auf erneuerbare Energien setzt. Das kostet Sie nicht mehr!
 

Nur selten wurde deutlich, dass es ihm schwer fällt zu sehen, wie die Menschheit auf die Katastrophe zusteuert und dabei statt zu handeln oft nur überlegt, wer den Schwarzen Peter bekommen soll:

bulletDass Ältere meinen, für sie lohne sich eine Solaranlage nicht mehr, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Es ist unsere Generation, die für die nächsten 100 Jahre die klimaschädlichen Gase in die Atmosphäre entlassen hat!
bulletIn Kopenhagen wurde Klimamikado gespielt: Wer sich zuerst bewegt, verliert. Und so hat sich niemand bewegt! Deshalb ist es so wichtig, dass wir in Deutschland Vorbild sind und etwas tun!
bulletDie Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wird schon wieder schön geredet, aber ich hoffe, die Verbraucher reagieren!

 

Hoffnung?

Doch, die habe ich. Man weiß ja, was zu tun ist. Spätestens, wenn sich Umweltschutz auch finanziell lohnt, wird sich etwas bewegen.

Denken Sie an den Mauerfall, von dem hat auch wenige Monate vorher niemand geahnt, dass er kommen würde!

Als die Fragerunde eröffnet wurde, gab es besonders leidenschaftliche Statements. Sie kamen von einem Auswärtigen, der - wie nachträglich bekannt wurde - am Eingang schon die kommenden Besucher mit einem Flyer verwirrt hatte, in dem behauptet wurde, dass der Mensch so gut wie keinen Einfluss auf das Klima hätte. Er schien die zahlreichen Hochschreckmomente des Vortrags verschlafen zu haben:

bulletDie Aussage, dass die schädlichen Klimagase, die wir in die Atmosphäre senden,  momentan jährlich um einen immer größeren Betrag zunehmen - statt dass sie endlich sinken.
bulletDas Bild der Erde, das zunächst an eine der üblichen Wärmebildaufnahmen erinnerte, aber zeigte, dass in diesem Sommer nicht nur Wälder in Moskau brannten, sondern zeitgleich in noch größerem Ausmaß in Südamerika und Afrika! Ein Zehntel der Welt stand in Flammen! Und die Zeitungen berichteten nur von der Katastrophe, die uns am nächsten war...
bulletDie Erklärung zur zunehmenden Versauerung des Meeresbodens und damit zu einem Aussterben der ersten Lebewesen in der langen Nahrungskette.

Doch Prof. Latif ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und stellte klar, dass ein Anstieg des CO²-Gehalts um 30 % im sensiblen Ökosystem eklatant ist - egal wie groß oder klein die Ausgangszahl ist. Leute, die in Medien etwas anderes behaupten, wären in der Regel keine Wissenschaftler, einer sei sogar Zahnarzt gewesen! Die Klimaforscher seien sich einig. Aber selbst wenn es zwei widerstreitende Auffassungen gäbe, läge die Wahrscheinlichkeit dafür, dass unser Handeln verheerende Auswirkungen auf unsere Erde hat, ja bei 50 %! Niemand würde in ein Flugzeug steigen, an dem ein Schild prangt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Flugzeug abstürzt, beträgt 10 %!" Warum also sollten wir bei einer Wahrscheinlichkeit von 50 % so tun, als würde schon nichts passieren?

Eine von vielen Fragen aus dem Publikum

So vielfältig die Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer auch waren - Prof. Latif wusste immer klar und kompetent zu antworten!

So könnte die Lösung unserer Klimaprobleme aussehen!

Die Provokationen trieben dann auch das Mikrofon zu den Melsdorfern, die sich fragten, was getan werden kann und sich die Expertenmeinung zu umstrittenen Themen einholten:

bulletSchwankungen hat es immer gegeben und die wird es immer geben. Entscheidend sind die Zeiträume und Ausmaße! Und da sind die Fakten eindeutig!
bulletNatürlich ist es Quatsch, unterirdische CO²-Lager einzurichten. Das Thema ist auch fast wieder vom Tisch, weil die Bürgerinnen und Bürger mit Erfolg protestiert haben!
bulletAuch die Beeinflussung des Wetters und Klimas durch chemische Stoffe wäre unverantwortlich! Die Zusammenhänge auf unserer Erde sind viel zu komplex, niemand könnte vorhersagen, was genau passieren wird!

Nach zwei Stunden voller Eindrücke dankte VHS-Leiterin Ute Heinecke dem Referenten, der auf ein Honorar verzichtet hatte und statt dessen um Spenden für die Erdbebenopfer von Haiti bat. Sie überreichte ihm eine Flasche Riesling: "Zwar nicht ganz regional, aber doch ein wenig saisonal und auch biologisch angebaut!" Dass u. a. diese Merkmale bei Lebensmitteln wichtig sind, hatte sie beim Klimabüfett der Gruppe "Wir für uns" in der Woche zuvor gelernt. Und so schloss sich der Kreis der Melsdorfer Veranstaltungen, die sich in diesem Herbst mit dem Klimawandel beschäftigten.

Unfreiwillige Lacher erntete die VHS-Leiterin, als sie für Bio-Wein warb: "Ich habe festgestellt, dass es den schon ab 3 € gibt!" - Das Dankeschön für Prof. Latif war natürlich aus einer anderen Preisklasse...

Und falls Ihnen auf der Straße jemand bei strömendem Regen "Frohen Tiefdruck!" wünscht, dann ist wenigstens ein Traum von Prof. Latif wahr geworden und den Tiefdruckgebieten ist ein Jahresgedenktag gewidmet worden, weil (auch) sie unerlässlich sind, um unser Klima im Gleichgewicht zu halten!

Von den Besucherinnen und Besuchern dieser spannenden und interessanten Veranstaltung wird jedenfalls niemand mehr ernsthaft über unser Wetter schimpfen - und das haben wir nicht nur dem Meteorologen und Ozeanographen, sondern eben auch dem Psychologen Latif zu verdanken!